Bin ich eine gute Freundin? Stellt ihr euch diese Frage auch manchmal? Ich schon. Nicht weil ich glaube, dass ich kein guter Mensch sei, der ehrlich und loyal gegenüber seinen Freunden ist. Aber es gibt Situationen, in denen ich nicht den Erwartungen meiner Freunde entspreche, nicht entsprechen kann. Manchmal kann ich einfach nicht für alles und zu jeder Zeit zur Verfügung stehen. Manchmal muss ich mich auch abgrenzen, weil es mir zu viel wird.

Vor allem wenn es mir selbst nicht gut geht, ziehe ich mich zurück und lasse nichts mehr von mir hören. Ich bin jemand, der andere nicht mit seinem Seelenmüll belasten will. Wir haben schließlich alle ein Leben mit Problemen. Letztlich glaube ich, das einige meiner Freunde vielleicht enttäuscht darüber sein könnten, dass ich mich manchmal klar abgrenze, plötzlich Distanz aufbaue. Das liegt nicht an mangelndem Vertrauen.

Manchmal möchte ich einfach nicht über meine Gedanken, Sorgen und Probleme sprechen. Manchmal brauche ich aber auch einfach nur Zeit für mich selbst. Ich bekomme bei zu viel sozialer Interaktion schnell einen Overkill und will dann gerne auch mal meine Ruhe haben und nur über mein eigenes Leben nachdenken, nicht über das Leben anderer.

Das klingt vielleicht egoistisch. Ist es auch. Denn ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, dass man vor allen Dingen zuerst Verantwortung für sich selbst übernehmen muss, bevor man sich um andere kümmert. Lange Zeit habe ich nur versucht, den Erwartungen anderer zu entsprechen und nie darauf gehört, was ich selbst eigentlich brauche, damit es MIR gut geht. Das ist nun endlich anders und ich bin sehr froh darüber.

Es bedeutet aber auch, anderen Grenzen zu setzen und sich selbst zu distanzieren. Manche Menschen mögen dies vielleicht nicht verstehen.

Doch für mich ist es absolut essentiell, mein Leben nach meinen eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Das führt aber leider zu dem immer gleichen Dilemma: Nein sagen und sich selbst gut fühlen oder Ja sagen und sich unwohl dabei fühlen? Oft muss ich einfach Nein sagen. Das betrifft im Übrigen nicht nur Freunde, sondern genauso meine Familie.

Früher war ich ein Ja-Sager. Ich wollte gemocht und akzeptiert werden. Gebracht hat es mir nichts außer Unzufriedenheit. Heute sage ich meine Meinung, auch wenn es nicht immer das ist, was andere hören wollen. Ich gehe meinen Freunden damit ziemlich auf den Sack. Sie halten mich wahrscheinlich oft für nervig, weil ich gerne über Dinge diskutiere. Ich bin einfach ein Fan von Argumenten, um meine Meinung fundiert darzulegen. Aber ich scheine in deren Augen einfach nur oft eine Besserwisserin zu sein.

Ich finde aber, es gibt nichts fruchtbareres als eine Diskussion, bei der jeder etwas dazulernen kann. Doch statt guter Streitkultur gibt es meist nur den schalen Eiertanz, der wirklich keinen Spaß macht. Das auszuhalten fällt mir nicht immer leicht. Denn das überbordende Harmoniebedürfnis meines Umfeldes geht mir einfach auf den Sack. Wie können wir uns und unsere Beziehungen weiterentwickeln, wenn wir bei jeder kleinen Diskussion schon aufgeben, weil es ja so anstrengend ist, zu streiten?

Und ich meine nicht diese ungesunde Art von Streit, bei der man andere verletzt, sondern wirklich eine lebendige Diskussion mit knallharten Standpunkten und noch härteren Argumenten. Nicht selten gelange ich genau dadurch erst zu neuen Sichtweisen. Aber gut, das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert und ich kann meine Freunde genauso wenig zu etwas nötigen wie sie mich. Das ist auch richtig so.

Leben und leben lassen. Ich verurteile nicht. Ich halte aber auch nicht meine Klappe. Bin ich also vielleicht doch eine halbwegs gute Freundin, obwohl ich mich manchmal abgrenze und zurückziehe? Wie ist es bei euch? Macht ihr euch auch manchmal solche Gedanken?

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