Das hier wird kein Manifest zum heutigen Weltfrauentag, das auf die großen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern aufmerksam macht und Gleichberechtigung für Frauen einfordert. Nicht weil es nicht nötig wäre. Sondern weil ich euch lieber eine Geschichte erzählen möchte. Die Geschichte des Frauentages, wie sie viele Frauen im damaligen kommunistischen Polen erlebt haben. Denn sie spricht für sich.

Wenn ich meine Mutter nach dem Weltfrauentag frage, winkt sie nur ab und sagt, das sei für viele Frauen damals so ziemlich der schlimmste Tag des Jahres gewesen. In der sozialistischen Bewegung vor mehr als einem Jahrhundert hatte der Frauenkampftag von Beginn an einen festen Platz und wurde auch später von den Kommunisten gepflegt, indem er zu einem sozialistischen Feiertag erhoben  und entsprechend begangen wurde.

Ein Feiertag, an dem Frauen oft einen Empfang ausrichteten und mit Blumen beschenkt wurden. Und ein Tag, an dem ihre Männer einen Anlass hatten, sich richtig volllaufen und die Sau rauszulassen. Ein Feiertag, an dem Frauen von ihren betrunkenen Männern beleidigt und verprügelt worden sind. Natürlich war es nicht bei allen so, aber es war doch ein weit verbreitetes Phänomen, dass viele Frauen gerne auf den Frauentag verzichtet hätten.

Politische Forderungen standen am Frauentag ausgerechnet bei den Sozialisten nicht im Fokus, sondern das gemeinsame Fest. Frauen sollten sich mit Geschenken begnügen, während Männer weiterhin die Machtpositionen besetzten und diese ausbauten. Und wer Pech hatte, bekam außer Blumen auch noch auf die Fresse. Perverser kann man einen Weltfrauentag, der für genau das Gegenteil steht, eigentlich nicht gestalten.

Doch so gleichberechtigt sich die sozialistischen Staaten gegeben hatten, in denen Beruf und Familie viel einfacher vereinbar war als bei uns heute und Frauen zumindest die gleichen Pflichten hatten wie Männer, so verlogen war das System doch. Denn im Grunde sah es mit den Frauenrechten dort genauso schlecht aus wie im Westen. Von den patriarchalen Rollenbildern ganz zu schweigen, die sich bis heute halten.

Feiern zu Ehren der Frauen statt echtes Engagement für gleiche Rechte – mehr Verhöhnung geht nicht. Auch heute werden am 8. März in Polen noch Blumen und Präsente verschenkt. Doch es gibt auch viele starke Frauen, die statt Nelken, lieber Fahnen in die Hand nehmen. Für die polnische Frauenbewegung reicht dieser Tag allerdings schon längst nicht mehr aus, um auf all die Rückschritte in Polen aufmerksam zu machen und sie zu bekämpfen. Auf polnische Frauen kommen harte Zeiten zu.

Look

Mantel: H&M

Weste: Mango

T-Shirt: H&M

Tasche: Pieces

Schuhe: Another A

Sexismus wird durch die PiS-Regierung populärer denn je, finanzielle Mittel für besseren Opferschutz bei häuslicher Gewalt werden massiv gekürzt, Gesetze gegen die Selbstbestimmung der Frau verschärft, patriarchale Strukturen gestärkt. Ich erinnere an die Pläne von 2016, das strikte Abtreibungsgesetz weiter zu verschärfen. Nur der Black Protest von Hunderttausenden Frauen konnte das verhindern.

Aufklärung ist passé

Polen verzeichnet neben weiteren ost- und südosteuropäischen Ländern die höchste Anzahl an Teenager-Müttern in der europäischen Union. Auch dieses Problem wird sich verschärfen, da die polnische Regierung mit der neuen Schulreform auch den Sexualkundeunterricht auf dem Kieker hat. Über Verhütungsmittel sollen Kinder in Zukunft nicht mehr aufgeklärt werden. Auch andersgeschlechtliche Liebe gibt es im neuen Lehrplan nicht mehr.

Viele Frauen werden auch heute in Polen und weltweit wieder auf die Straße gehen, denn nicht nur in Polen, sondern in ganz Europa und auch in den USA bewegt sich ein größer werdender Teil der Gesellschaft in eine rückschrittliche Richtung, wählt rechts-konservativ, sexuelle und rassistische Übergriffe werden häufiger und wir verlieren, wofür wir lange gekämpft haben. Das lässt sich nur mit starkem Widerstand aufhalten.

Diskurs aufrechterhalten

Proteste auf der Straße sind ein Teil davon. Aber längst nicht der wichtigste. Für seine Rechte und gegen ihre Beschneidung muss jeder jeden Tag selbst kämpfen. Grundwerte und Einstellungen werden im Alltag geformt, nicht auf Demos. Ich scheue daher keine unangenehme Diskussion mit Freunden und Bekannten oder Familie. Auch wenn es anstrengend ist, so ist es meiner Meinung nach nötig, den Diskurs aufrechtzuerhalten.

Obwohl wir in Deutschland schon viel für Frauenrechte getan haben, hapert es noch oft an der Umsetzung dieser gleichen Rechte. Vor allem was unsere veralteten Rollenbilder angeht, ist für Veränderungen noch viel Luft nach oben. Ich möchte nicht irgendwann in einem Land wie Polen leben. Mich macht es unfassbar wütend und traurig, was in meinem Herkunftsland passiert. Denn für mich gehören Selbstbestimmung und Toleranz zu den Grundpfeilern einer gesunden Gesellschaft.

Girls just wanna have fundamental human rights

Doch nun steht das absolute Verbot wieder zur Debatte. Viele Ärzte verweigern sowieso schon heute auch die wenigen legalen Abtreibungen, die nur in Ausnahmefällen (nach Vergewaltigung, bei Lebensgefahr für die Mutter und bei schweren Behinderungen des Fötus) erlaubt sind. Sie dürfen sich auf eine Gewissensklausel berufen, die ihnen die Verweigerung aus ethischen Gründen erlaubt.

Frauen müssen deswegen häufig ins Ausland, um abzutreiben oder sie führen die Abtreibung selbst durch, was schwere gesundheitliche Schäden oder den Tod zur Folge haben kann. Seit kurzem ist auch die “Pille danach” nicht mehr frei verkäuflich und somit nur noch schwer zugänglich. Denn auch hier können sich Ärzte auf die Gewissensklausel berufen und sie einfach nicht verschreiben. Willkommen im Mittelalter. Aber das war’s noch nicht.

Der Weltfrauentag ist nicht zum Feiern da

Am Weltfrauentag brauche ich keine Glückwünsche für mein zweites X-Chromosom und auch keine Blumen als Zeichen des Respekts davor, dass ich zu einer vermeintlich unterlegenen Gruppe gehöre. Das ändert gar nichts, was ja auch ursprünglich Sinn und Zweck dieser ganzen Folklorisierung des 8. März war. Zu dieser Art Frauentag sage ich “nein, danke” und hoffe, dass er in dieser Form ausstirbt. Wie wär’s stattdessen mit weniger Mansplaining, weniger rosa/blauen Wandfarben, weniger rettenden Prinzen und geretteten Prinzessinnen und mehr Empowerment?

Ein Aufruf wie der von Oscar-Preisträgerin Frances McDormand bei der Verleihung neulich ist zum Beispiel ein Impuls, dem aber auch Taten folgen müssen. Sie bat alle kreativen Frauen, ob Schauspielerinnen, Regisseurinnen oder Komponistinnen, aufzustehen, um zu zeigen, dass es genügend talentierte Frauen gibt, denen man endlich die gleichen Chancen bei der Verwirklichung ihrer Projekte zugestehen sollte. Denn Fakt ist, dass in vielen Branchen die Männer die Hebel in der Hand haben und eine Veränderung nur mit ihrer Hilfe möglich ist. Feminismus ist deswegen nicht nur Frauensache, sondern auch Männersache. Jetzt müssen wir es den Männern nur noch irgendwie schonend beibringen. 😉

 

Was bedeutet der Weltfrauentag für euch? Was wünscht ihr euch in Sachen Gleichberechtigung?

 

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